Eine Expressionismus Landschaft zeigt keine Gegend, sondern eine Empfindung. Der Berg darf violett sein, der Himmel gelb und der Weg schief, weil die Maler des frühen zwanzigsten Jahrhunderts nicht abbilden wollten, was sie sahen, sondern was der Anblick mit ihnen machte. Dieser Text erklärt die Bildsprache dahinter, stellt fünf Schlüsselwerke vor und sagt dir, wo die Originale heute hängen.
Was eine Landschaft expressionistisch macht
Ausschlaggebend ist der Bruch mit der Naturtreue. Farbe, Form und Perspektive lösen sich vom Vorbild und richten sich nach dem inneren Erleben des Malers, und genau das unterscheidet ein expressionistisches Bild von einem impressionistischen, das den flüchtigen Lichteindruck noch möglichst genau festhalten will.
Vier Merkmale kehren in fast jedem dieser Bilder wieder. Die Farben sind kräftig und stimmen nicht mit der Natur überein. Die Formen werden vereinfacht, verzerrt oder zu geometrischen Blöcken zusammengefasst. Der Pinselstrich bleibt sichtbar, oft in dicken Schichten und ohne weiche Übergänge. Und die Räumlichkeit verschwindet weitgehend, weil die klassische Zentralperspektive der Fläche weicht.
Am schnellsten erkennst du das an den Umrisslinien. Wo ein Baum oder ein Hügel eine dunkle, harte Kontur bekommt, arbeitet der Maler mit Farbflächen statt mit Licht und Schatten, und diese Kontur stammt oft direkt aus dem Holzschnitt, den die Brücke-Künstler intensiv betrieben.
Farbe als eigene Sprache
Farbe ist in dieser Malerei kein Beschreibungsmittel, sondern Inhalt. Franz Marc ging darin am weitesten und ordnete den Grundfarben feste Bedeutungen zu, die er 1910 in einem Brief an seinen Malerfreund August Macke ausbuchstabierte.
Blau stand bei ihm für das Geistige und Strenge, Gelb für das Sanfte und Heitere, Rot für das Schwere und Materielle. Wer ein Bild von Marc betrachtet, sieht deshalb nicht einfach ein blaues Pferd vor einem gelben Hügel, sondern ein Verhältnis zwischen zwei Kräften. Diese Systematik hatte nicht die ganze Bewegung, aber sie zeigt, wie ernst die Frage der Farbe genommen wurde.
Bei den Malern der Brücke wirkt der Farbeinsatz roher. Kirchner und Schmidt-Rottluff setzten komplementäre Töne unvermischt nebeneinander, also Orange gegen Blau oder Grün gegen Rot, sodass die Flächen im Auge zu flimmern beginnen. Emil Nolde trieb das in seinen Meeresbildern auf die Spitze, wo Wasser und Himmel in Tönen aufeinandertreffen, die man an der Nordsee nie so sieht und trotzdem sofort als richtig empfindet.
Die Brücke und die Landschaft als Gegenwelt
Die Künstlergruppe Brücke entstand 1905 in Dresden, gegründet von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl, die damals allesamt Architektur studierten und keine Kunstakademie durchlaufen hatten. Später stießen Emil Nolde und Max Pechstein dazu, und 1913 löste die Gruppe sich auf.
Ihre Landschaften entstanden im Sommer, weit weg von der Stadt. An den Moritzburger Teichen bei Dresden, auf der Ostseeinsel Fehmarn und im niedersächsischen Dangast malten sie Küsten, Dünen, Wälder und immer wieder nackte Menschen in freier Natur.
Dahinter steckte mehr als die Suche nach Motiven. Die Industrialisierung hatte die deutschen Städte in wenigen Jahrzehnten umgekrempelt, und die jungen Maler suchten in der Natur einen Zustand vor dieser Entwicklung. Ihre Landschaften sind deshalb keine Idyllen, sondern Gegenentwürfe, gemalt von Leuten, die aus der Großstadt kamen und im Herbst dorthin zurückkehrten.
Der Blaue Reiter und das Blaue Land
In München formierte sich ab 1911 die zweite große Gruppe des deutschen Expressionismus, und sie arbeitete sehr viel theoretischer. Wassily Kandinsky und Franz Marc gaben 1912 den Almanach "Der Blaue Reiter" heraus, zum Kreis gehörten außerdem Gabriele Münter, August Macke, Paul Klee, Alexej von Jawlensky und Heinrich Campendonk.
Ihre Landschaft lag im oberbayerischen Voralpenland zwischen München und den Bergen, in einer Gegend, die heute noch als das Blaue Land firmiert. Murnau am Staffelsee, Kochel am See, das Murnauer Moos und die umliegenden Seen tauchen in Dutzenden Bildern auf, meist reduziert auf wenige Farbflächen mit dunkler Kontur.
Entscheidend war der Ort Murnau selbst. Kandinsky und Münter arbeiteten dort ab 1908 gemeinsam, und in diesen Sommern vollzog sich der Übergang von der gegenständlichen Landschaft zur Abstraktion. Wer die Bilder in zeitlicher Reihenfolge betrachtet, sieht, wie der Kirchturm zum Dreieck wird und der Hügel zur Farbfläche, bis am Ende nur noch die Beziehung der Farben übrig bleibt.
Fünf Bilder, an denen sich das Prinzip zeigt
- Wassily Kandinsky, "Der blaue Berg". Ein Berg in kräftigem Blau, davor Reiter in Rot und Gelb, entstanden um 1908. Die Farbwahl folgt keiner Naturbeobachtung mehr, und die Bildfläche zerfällt in getupfte Farbfelder.
- Ernst Ludwig Kirchner, "Badende am Strand (Fehmarn)". Menschen und Küste verschmelzen zu einem Bewegungsmuster aus schrägen Linien, die Körper sind langgezogen und kantig.
- Gabriele Münter, "Blick auf das Murnauer Moos". Wenige große Farbflächen, harte schwarze Konturen, kaum Tiefenraum. Das Bild funktioniert wie ein Glasfenster und zeigt Münters Nähe zur bayerischen Hinterglasmalerei.
- Emil Nolde, Meeresbilder der Nordsee. Nolde malte über Jahre Wolken und Wellen in Serien, in denen sich Himmel und Wasser fast berühren und die Horizontlinie ganz nach unten rutscht.
- Franz Marc, "Turm der blauen Pferde" von 1913. Tiere und Landschaft gehen ineinander über, die Rücken der Pferde nehmen die Form der Bergkette auf. Das Werk gilt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs als verschollen.
Wenn du mehr über die Bilder wissen willst, die es in den kunsthistorischen Kanon geschafft haben, findest du in unserer Übersicht zu berühmten Gemälden die Einordnung dieser Epoche in die Kunstgeschichte insgesamt.
Was ab 1937 mit diesen Bildern geschah
Die Nationalsozialisten erklärten den Expressionismus zur "entarteten Kunst" und stellten 1937 in München beschlagnahmte Werke in einer Schmähausstellung aus. Tausende Bilder wurden aus deutschen Museen entfernt, ins Ausland verkauft oder vernichtet.
Die Folgen für die Maler waren unterschiedlich hart. Emil Nolde erhielt Malverbot und arbeitete heimlich in kleinem Format weiter, Ernst Ludwig Kirchner nahm sich 1938 im Schweizer Exil das Leben, Franz Marc und August Macke waren schon im Ersten Weltkrieg gefallen. Erst nach 1945 wurden die Werke wieder öffentlich gezeigt, und viele Sammlungen sind bis heute lückenhaft.
Diese Geschichte erklärt auch, warum manche Bilder heute in amerikanischen Museen hängen und nicht in deutschen. Wer vor einem Original in New York oder Basel steht, sieht dort eine Folge dieser Beschlagnahmungen.
Wo du expressionistische Landschaften heute siehst
Für einen konzentrierten Blick auf die Landschaftsmalerei des Blauen Reiter lohnt sich Oberbayern, weil dort die Bilder in derselben Gegend hängen, in der sie entstanden sind. Das Lenbachhaus in München besitzt die bedeutendste Sammlung der Gruppe, ergänzt durch das Franz-Marc-Museum in Kochel am See, das Schlossmuseum Murnau und das Museum Penzberg mit der Sammlung Campendonk.
Im Murnauer Münter-Haus lässt sich zusätzlich die Arbeitssituation nachvollziehen, weil Wohnräume und Ausstattung erhalten sind. Wer die Brücke sucht, findet sie im Brücke-Museum in Berlin, und für Nolde führt der Weg nach Seebüll in Nordfriesland, wo sein Wohnhaus als Museum betrieben wird.
Ein Tipp für den Besuch. Nimm dir für die Landschaftsbilder mehr Abstand, als du im Museum gewohnt bist. Aus zwei Metern zerfallen die Flächen in Farbe und Pinselstrich, aus fünf Metern setzt sich die Landschaft zusammen, und dieser Wechsel ist Teil der Wirkung.
Ein expressionistisches Landschaftsbild in vier Schritten lesen
Vor einem solchen Bild hilft eine feste Reihenfolge, weil die üblichen Sehgewohnheiten hier ins Leere laufen. Die Frage, was dargestellt ist, führt selten weiter als bis zum Hügel.
Schritt eins, die Farbe prüfen. Suche die Stelle, an der die Farbe am stärksten vom Naturvorbild abweicht, und frage dich, was sich dadurch ändert. Ein rotes Feld neben einem grünen Hügel erzeugt Spannung, ein blauer Berg vor gelbem Himmel erzeugt Ruhe und Distanz.
Schritt zwei, den Pinselstrich verfolgen. Sind die Striche kurz und gehackt oder lang und fließend, dick aufgetragen oder dünn lasiert. Die Handschrift verrät das Tempo, in dem gemalt wurde, und damit die Stimmung.
Schritt drei, die Linien ordnen. Achte darauf, ob Schrägen dominieren oder Waagerechte. Schräge Linien kippen das Bild und erzeugen Unruhe, waagerechte Schichtungen aus Ufer, Wasser und Himmel beruhigen es.
Schritt vier, den Bildraum bestimmen. Prüfe, wie weit du in das Bild hineinsehen kannst. Fehlt die Tiefe fast völlig und liegt alles vorn an der Bildfläche, hat der Maler den Betrachter bewusst auf Abstand gehalten. Genau diese Flächigkeit trennt das expressionistische Bild vom romantischen Landschaftsgemälde, in dem der Blick bis zum Horizont wandern darf.
Häufige Fragen zur Landschaft im Expressionismus
Was unterscheidet expressionistische von impressionistischer Landschaftsmalerei?
Der Impressionismus hält den flüchtigen Licht- und Farbeindruck einer realen Szene fest, der Expressionismus gibt das innere Erleben des Malers wieder. Farben entsprechen deshalb nicht dem Naturvorbild, Formen werden verzerrt oder vereinfacht, und die Umrisse sind oft dunkel gezogen. Impressionistische Bilder wirken atmosphärisch, expressionistische wirken gespannt.
Welche Farben sind typisch für expressionistische Landschaften?
Typisch sind ungemischte, kräftige Farben in starken Kontrasten, besonders Blau gegen Orange und Rot gegen Grün. Franz Marc verband die Grundfarben zusätzlich mit festen Bedeutungen, wobei Blau für das Geistige stand, Gelb für das Heitere und Rot für das Materielle. Zarte Abstufungen und gebrochene Töne fehlen fast völlig.
Welche Landschaften haben die Expressionisten gemalt?
Die Brücke-Maler arbeiteten an der Ostsee auf Fehmarn, an den Moritzburger Teichen bei Dresden und an der Nordsee bei Dangast. Der Blaue Reiter konzentrierte sich auf das oberbayerische Voralpenland um Murnau, Kochel und die dortigen Seen. Beide Gruppen suchten Gegenden abseits der Großstadt, in denen sie im Sommer über Wochen malen konnten.
Wo kann ich expressionistische Landschaftsbilder im Original sehen?
Die größte Sammlung des Blauen Reiter zeigt das Lenbachhaus in München, weitere Häuser sind das Franz-Marc-Museum in Kochel, das Schlossmuseum Murnau und das Museum Penzberg. Werke der Brücke hängen im Brücke-Museum in Berlin, Bilder von Emil Nolde im Museum in Seebüll. Viele dieser Orte liegen in derselben Landschaft, die auf den Bildern zu sehen ist.