Samstag, 7. Juni 2026

Marketing

Brand Marketing: Wie Marken langfristig wachsen und wie man das misst

Brand Marketing erklärt: wie Markenaufbau wirkt, was hinter der 60/40-Regel steckt, welche Kennzahlen Markenwirkung zeigen und wie kleine Firmen starten.

Team arbeitet von oben gesehen an einem Tisch an einer Marketingstrategie

Foto: Kindel Media / Pexels

Brand Marketing ist der Teil des Marketings, der heute kaum Umsatz bringt und morgen den größten Teil davon. Es baut Bekanntheit und Vertrauen auf, damit Menschen an deine Marke denken, wenn sie einen Bedarf haben, lange bevor sie eine Anzeige anklicken. Das klingt weich und schwer messbar, dabei gibt es zu kaum einer Marketingfrage so gute Langzeitdaten. Und die sind für viele Performance-Teams unbequem.

Was Brand Marketing ist und was nicht

Brand Marketing umfasst alle Maßnahmen, die eine Marke langfristig bekannter, wiedererkennbarer und begehrenswerter machen, ohne auf einen sofortigen Kauf zu zielen. Typisch sind TV-, Radio- und Plakatwerbung, Sponsoring und breit gestreute Videokampagnen, im Grunde alles, was die Erinnerung an die Marke auffrischt.

Das Gegenstück heißt Performance Marketing oder Aktivierung. Es richtet sich mit Suchanzeigen, Retargeting oder Rabattaktionen an Menschen, die gerade kaufen wollen, und lässt sich sauber in Klicks und Conversions messen. Gebraucht wird beides. Schief läuft es, wenn ein Unternehmen das Budget fast komplett dorthin schiebt, wo die Zahlen im Dashboard am schönsten aussehen, und das passiert ständig.

Mit Branding wird Brand Marketing oft verwechselt. Branding legt fest, wofür eine Marke steht und wie sie aussieht, von Name und Logo bis zu Farben und Tonalität. Brand Marketing sorgt dafür, dass möglichst viele Menschen diese Marke kennen und mit den richtigen Eindrücken verbinden.

Die 60/40-Regel: was Langzeitstudien zeigen

Die bekannteste Faustregel für das Verhältnis von Marken- zu Abverkaufswerbung stammt von den britischen Forschern Les Binet und Peter Field. Sie haben Hunderte Kampagnen aus der Datenbank des britischen Werbeverbands Institute of Practitioners in Advertising ausgewertet. Ihr Ergebnis lautet, dass im Konsumgüterbereich rund 60 Prozent des Budgets in Markenaufbau und 40 Prozent in Aktivierung die beste Gesamtwirkung erzielen (Binet und Field, The Long and the Short of It, IPA, 2013).

Aktivierung wirkt schnell, verpufft aber nach wenigen Wochen. Markenwerbung braucht länger, dafür summieren sich ihre Effekte über Monate und Jahre, und sie macht die Aktivierung billiger, weil bekannte Marken höhere Klickraten erzielen und Kunden weniger auf den Preis schauen. Für B2B-Märkte ermittelten die beiden in einer späteren Analyse ein etwas anderes Verhältnis von etwa 46 zu 54, also mehr Gewicht auf Aktivierung, weil Kaufzyklen dort kürzer und Zielgruppen kleiner sind (Binet und Field, The 5 Principles of Growth in B2B Marketing, LinkedIn B2B Institute, 2019).

Als Gesetz taugen diese Zahlen nicht, ein Start-up mit drei Monaten Liquidität kann sich 60 Prozent Markenaufbau schlicht nicht leisten. Die Grundaussage trifft aber auch kleine Budgets. Wer nur auf die nächste Conversion optimiert, wächst langsamer und zahlt pro Neukunde mit der Zeit immer mehr.

Wie Marken im Kopf wachsen

Marken wachsen vor allem, indem sie mehr Käufer gewinnen, nicht indem sie bestehende Kunden zu mehr Käufen bewegen. Belegt hat das der Marketingforscher Byron Sharp mit Kaufdaten aus Dutzenden Produktkategorien (Sharp, How Brands Grow, Oxford University Press, 2010). Für das Brand Marketing ergeben sich daraus zwei Aufgaben.

Die erste heißt mentale Verfügbarkeit. Eine Marke soll in möglichst vielen Kaufsituationen als Erstes einfallen, und dafür braucht sie Reichweite in der ganzen Kategorie statt nur bei den heutigen Fans, außerdem unverwechselbare Markenelemente, die über Jahre gleich bleiben. Die lila Kuh, das Telekom-Magenta oder der Jingle einer Versicherung funktionieren genau so.

Die zweite heißt Konsistenz. Jedes Jahr eine neue Kampagnenidee, ein neuer Claim, eine neue Farbe, das macht der Agentur Spaß und löscht beim Publikum die Erinnerung. Wer über Jahre dieselben Signale sendet, baut Gedächtnisstrukturen auf, die mit jeder Wiederholung stärker werden.

Brand Marketing messen: die wichtigsten Kennzahlen

Brand Marketing lässt sich messen, nur nicht im Tagestakt einer Google-Ads-Kampagne. Fünf Kennzahlen haben sich in der Praxis durchgesetzt.

  • Gestützte und ungestützte Bekanntheit. Regelmäßig per Umfrage erhoben, am besten im Vergleich zu Wettbewerbern.
  • Share of Search. Der Anteil der Suchanfragen nach deiner Marke an allen Markensuchen der Kategorie, ein früher Indikator für künftige Marktanteile.
  • Share of Voice. Dein Anteil an Werbung und Medienerwähnungen der Kategorie, gemessen am eigenen Marktanteil.
  • Direkter und markenbezogener Traffic. Besuche über Direkteingabe und Suchanfragen mit Markennamen.
  • Preisbereitschaft. Ob Kunden bei Preiserhöhungen bleiben oder abwandern.

Mein Favorit für kleinere Unternehmen ist Share of Search, weil die Daten aus Google Trends oder Keyword-Tools kostenlos oder günstig zu haben sind. Steigt dein Anteil an den Markensuchen über Monate, ziehen die Marktanteile oft mit etwas Verzögerung nach. Welche Zahlen danach in einem Marketing-Dashboard stehen sollten, beschreibt der Artikel KPI Marketing: Welche Kennzahlen wirklich Entscheidungen ermöglichen.

Typische Fehler im Brand Marketing

Der teuerste Fehler im Brand Marketing ist Ungeduld, und gegen sie hilft auch ein großes Budget nicht. Kampagnen landen nach drei Monaten im Papierkorb, weil das Dashboard keine Conversions zeigt, obwohl Markenaufbau auf diesen Zeitraum gar nicht ausgelegt ist. Wer Brand Marketing an Kennzahlen aus dem Performance Marketing misst, wird es immer für Geldverschwendung halten.

Ein zweiter Klassiker ist die Zielgruppe, die zu eng gefasst ist. Viele Unternehmen zeigen ihre Markenwerbung nur bestehenden Kunden oder Menschen, die bereits auf der Website waren, weil das in Werbeplattformen bequem einzustellen ist. Genau diese Menschen kennen die Marke aber schon. Wachstum entsteht bei denen, die sie noch nicht kennen und in den nächsten Monaten oder Jahren in die Kategorie einsteigen.

Drittens fehlt oft ein klares, wiederkehrendes Markenelement. Eine Kampagne ist kreativ, die nächste auch, aber keine erinnert an die vorherige. Ohne eine Farbe, eine Figur, einen Klang oder einen Satz, der über Jahre bleibt, wissen die Leute nach der Werbung zwar, dass sie etwas Lustiges gesehen haben, aber nicht mehr, von wem. Werbeforscher nennen das falsche Markenzuordnung, und sie gehört zu den teuersten Lecks im ganzen Werbebudget.

Und schließlich wird Brand Marketing gern an die Marketingabteilung delegiert, während Vertrieb, Kundenservice und Produkt eigene Wege gehen. Dabei prägt der Anruf bei der Hotline den Eindruck einer Marke stärker als jede Anzeige. Eine Marke, die in der Werbung Nähe verspricht und in der Warteschleife Distanz liefert, verliert mehr, als die Kampagne aufbauen kann.

Brand Marketing für kleine Unternehmen und Mittelstand

Auch ohne TV-Budget können kleinere Firmen Brand Marketing betreiben, wenn sie Reichweite und Wiedererkennbarkeit in den Mittelpunkt stellen. Konkret heißt das, einen festen Teil des Budgets für Reichweite in der ganzen Zielgruppe zu reservieren, auch bei Menschen, die heute nichts kaufen, statt jede Social-Media-Anzeige auf Klicks zu trimmen.

Im Mittelstand liegt das größte ungenutzte Kapital oft in der eigenen Beständigkeit. Ein Unternehmen, das seit 30 Jahren dieselbe Farbe, denselben Namen und denselben Auftritt bei Messen und auf Fahrzeugen nutzt, hat mehr Markenwert aufgebaut, als es selbst ahnt. Wer daraus eine klare Linie für Website, Social Media und Werbung ableitet, braucht keine Großkampagne. Wie das in sozialen Netzwerken aussieht, steht in Social-Media-Strategie 2026: Was wirklich funktioniert und was du ignorieren kannst.

Brand Marketing in Zeiten von KI-Suche

Mit KI-gestützten Suchsystemen wie Googles AI Overviews oder ChatGPT gewinnt Markenbekanntheit einen zusätzlichen Hebel. Wenn Menschen nicht mehr zehn Links durchklicken, sondern eine zusammengefasste Antwort lesen, entscheidet die KI, welche Anbieter darin auftauchen. Sie greift dabei auf Marken zurück, die im Netz häufig, konsistent und in passenden Zusammenhängen erwähnt werden.

Daraus folgt eine Verschiebung, die in Marketingabteilungen noch erstaunlich selten Thema ist. Erwähnungen in Fachmedien, Vergleichsartikeln, Foren und Bewertungsportalen zählen nicht mehr nur als Backlink für die Suchmaschinenoptimierung, sondern als Signal dafür, ob eine Marke in einer Kategorie überhaupt existiert. Eine starke Marke wird auch ohne Klick genannt, eine unbekannte fällt aus der Antwort heraus.

Für das Brand Marketing heißt das, Pressearbeit, Fachbeiträge und ein klares, überall gleiches Markenprofil werden wichtiger. Wer in den Antworten der KI-Systeme regelmäßig vorkommt, baut genau die mentale Verfügbarkeit auf, um die es im Markenaufbau seit jeher geht, nur eben über einen neuen Kanal.

Ein praktischer Einstieg für kleine Unternehmen ist ein einfaches Markenprofil auf einer Seite. Es beschreibt, wofür das Unternehmen steht, wen es erreichen will, welche zwei oder drei Eigenschaften jeder Kunde mit ihm verbinden soll und welche visuellen und sprachlichen Elemente immer gleich bleiben. Dieses Blatt bekommt jeder, der Texte schreibt, Anzeigen gestaltet oder am Telefon mit Kunden spricht. Es kostet einen Nachmittag und verhindert, dass jede Kampagne die Marke ein bisschen anders erzählt.

Wer klein anfängt, sollte sich deshalb nicht von großen Markenkampagnen einschüchtern lassen. Konsequenz schlägt Budget, und eine regionale Bäckerei, die seit Jahren dieselbe Tüte, denselben Spruch und dieselbe freundliche Art pflegt, ist in ihrem Viertel bekannter als manche Marke mit Fernsehspot.

Häufige Fragen zu Brand Marketing

Was ist der Unterschied zwischen Brand Marketing und Performance Marketing?

Brand Marketing baut langfristig Bekanntheit und Präferenz auf und wirkt über Monate und Jahre. Performance Marketing zielt auf Menschen, die gerade kaufbereit sind, und wird in Klicks und Verkäufen gemessen. Studien von Binet und Field zeigen, dass die Kombination beider Ansätze besser wirkt als jeder allein.

Was ist Brand Awareness?

Brand Awareness ist die Markenbekanntheit, also der Anteil der Zielgruppe, der eine Marke kennt. Man unterscheidet die gestützte Bekanntheit, bei der die Marke vorgelegt wird, und die ungestützte, bei der Befragte eine Kategorie hören und von sich aus Marken nennen.

Wie viel Budget sollte in Brand Marketing fließen?

Als Orientierung gilt im Konsumgüterbereich ein Anteil von rund 60 Prozent für Markenaufbau, im B2B-Bereich eher 45 Prozent. Junge Unternehmen mit knapper Liquidität starten meist mit deutlich weniger und erhöhen den Anteil, sobald das Geschäftsmodell trägt.

Wie lange dauert es, bis Brand Marketing wirkt?

Erste Effekte auf Bekanntheit und Suchvolumen zeigen sich oft nach wenigen Monaten. Die volle Wirkung auf Umsatz und Preisbereitschaft entfaltet sich nach den Analysen von Binet und Field über Zeiträume von sechs Monaten und mehr, bei Markenaufbau auch über mehrere Jahre.

Was macht ein Brand Manager?

Ein Brand Manager verantwortet die Entwicklung und Führung einer Marke. Er legt Positionierung und Markenbotschaften fest, steuert Kampagnen, achtet auf einen einheitlichen Auftritt über alle Kanäle und misst mit Kennzahlen wie Bekanntheit und Markenpräferenz, ob die Marke wächst.

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