Joana Tischkau nimmt Popkultur auseinander, von der Mini-Playback-Show bis zum deutschen Schlager, und fragt dabei, welchen Platz Schwarze Künstlerinnen und Künstler darin hatten. Für diese Arbeit bekam die Choreografin und Regisseurin 2024 den Tabori-Preis, die höchste Auszeichnung der freien darstellenden Künste in Deutschland. Ihr Weg dorthin begann allerdings nicht an einer Hochschule, sondern in Hip-Hop-Clubs.
| Name | Joana Tischkau |
|---|---|
| Geboren | 1983 |
| Beruf | Choreografin, Regisseurin, Performerin |
| Ausbildung | Bachelor Dance and Drama (Coventry University), Master Choreografie und Performance (Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen) |
| Bekannt für | Playblack (2019), Being Pink Ain't Easy (2021), Ich nehm dir alles weg – Ein Schlagerballett (2024) |
| Auszeichnung | Tabori-Preis 2024 |
| Lebt in | Frankfurt am Main und Berlin |
Anfänge zwischen Hip-Hop-Club und Hochschule
Joana Tischkau hat das Tanzen in Jugendzentren, Hip-Hop-Clubs und Diskotheken gelernt, lange bevor sie Tanz studierte. Auf ihrer Website zählt sie sogar Stadien und Karnevalsbühnen zu ihren frühen Auftrittsorten, dazu regionale Tanzwettbewerbe zwischen 2000 und 2002. Wer ihre Stücke heute sieht, erkennt diese Schule sofort wieder. Sie arbeitet mit Posen, Moves und Kostümen aus Musikvideos und Fernsehshows, also mit dem Material, mit dem sie selbst groß geworden ist.
Studiert hat sie erst danach, und zwar zweimal. Auf den Bachelor in Dance and Drama an der Coventry University in England folgte der Master in Choreografie und Performance am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Aus diesem Institut sind Gruppen wie Rimini Protokoll und She She Pop hervorgegangen. Neben eigenen Stücken stand Tischkau auch in Arbeiten anderer Künstlerinnen auf der Bühne, etwa bei Anta Helena Recke, wie das Theatermagazin 2022 in einem Porträt festhielt.
Die wichtigsten Arbeiten von Joana Tischkau
Bekannt wurde Joana Tischkau mit Stücken, die vertraute Unterhaltungsformate gegen den Strich lesen. Das Theatermagazin beschreibt ihren Ansatz als Untersuchung, wie Medien Herkunft und Geschlecht in Szene setzen. Tischkau wiederholt und verschiebt Körper und Kostüme so lange, bis die Klischees offen daliegen. Trocken wird das trotzdem selten, denn dasselbe Porträt hebt ihre Lust am Verkleiden, Maskieren und Tanzen hervor.
- Playblack (2019). Für ihre Abschlussarbeit in Gießen griff sie das Format der Mini-Playback-Show auf, in der Kinder ihre Idole nachahmten, auch Schwarze Stars. Laut Falter tourte das Stück vier Jahre lang international.
- Deutsches Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music (2020). Mit Anta Helena Recke, Elisabeth Hampe und Frieder Blume baute sie ein Museum, das eigentlich eine Performance ist. Im Spätsommer 2020 stand es im Keller des Museums Angewandte Kunst in Frankfurt. Das Journal Frankfurt beschrieb eine Wand mit 250 Namen Schwarzer Persönlichkeiten der deutschen Popkultur und einen Schrein für Roberto Blanco. Bei den Wiener Festwochen 2022 gab es eine österreichische Ausgabe.
- Being Pink Ain't Easy (2021). Den Anstoß gab das Musikvideo „Hey Ma“ des US-Rappers Cam'ron aus dem Jahr 2002. Tischkau spielt mit der überzeichneten Männlichkeit des Hip-Hop, koproduziert haben die Sophiensæle, die Münchner Kammerspiele und das Künstlerhaus Mousonturm. 2022 lud die Tanzplattform Deutschland das Stück ein.
- Ich nehm dir alles weg – Ein Schlagerballett (2024). Die Premiere fand am 18. September 2024 im HAU Hebbel am Ufer in Berlin statt. Das Stück antwortet auf Pina Bauschs Schlagerballett aus den 1970er Jahren und erzählt die Schlagergeschichte aus Schwarzer deutscher Sicht, mit Roberto Blanco, Marie Nejar und anderen. Mitentwickelt hat es Elisabeth Clarke, die einst in Bauschs Wuppertaler Ensemble tanzte, ihre Tochter Sophie Yukiko tanzt in der Produktion.
„Den Begriff Schlagerballett habe ich mir nicht ausgedacht, sondern der kommt ganz dezidiert von der Choreografin Pina Bausch“, sagte Tischkau im Februar 2025 der Hessenschau. Sie wolle sehen, wie sich die Bedeutung popkultureller Produkte über die Jahre verschiebt.
Tabori-Preis und weitere Auszeichnungen
2024 erhielt Joana Tischkau den Tabori-Preis, den der Fonds Darstellende Künste als wichtigste Auszeichnung der freien Szene vergibt. Laut Hessenschau war er in diesem Jahr erstmals mit 100.000 Euro dotiert. Ausgezeichnet wurde sie allerdings schon vorher, und nicht nur für Bühnenarbeit. „Playblack Radio“, das sie mit Jan Gehmlich produzierte, wurde 2023 zum Hörspiel des Jahres gewählt. 2021 bekam sie zwei Stipendien, eines davon das Ottilie-Röderstein-Stipendium, und 2025 nahm das Portal tanznetz sie in seine Liste „Tanz 100“ der einflussreichen Stimmen im Tanz auf.
Ihre Stücke liefen bei der Tanzplattform Deutschland, beim Impulse Festival, bei den Wiener Festwochen, beim Brecht-Festival und bei Politik im Freien Theater. Gastspiele führten sie unter anderem ans Tanzquartier Wien und auf Kampnagel in Hamburg.
Was macht Joana Tischkau heute?
Ihr neuestes Stück heißt „Trapicana“ und entstand gemeinsam mit Jeremy Nedd, Sophie Yukiko und der kubanischen Malpaso Dance Company (Stand: Oktober 2026). Ausgangspunkt ist der berühmte Nachtclub Tropicana in Havanna. Tischkau verbindet afrokubanische Tänze mit Trap-Musik und fragt, wo kulturelle Echtheit endet und das exotische Klischee anfängt, eine Frage, die sich durch fast alle ihre Arbeiten zieht.
Uraufgeführt wurde „Trapicana“ im August 2026 beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg. Am 13. August eröffnete es im HAU1 in Berlin die 38. Ausgabe von Tanz im August. Neben Kampnagel und dem Festival waren das HAU Hebbel am Ufer und das Goethe-Institut Havanna an der Produktion beteiligt.
Auch kulturpolitisch bezieht Tischkau Stellung. Im Hessenschau-Interview sprach sie sich dafür aus, Theater wie den Frankfurter Mousonturm weiter zu öffnen. „Wir brauchen diese öffentlichen Räume, die für Debatten, Diskurse und Streit zur Verfügung stehen“, sagte sie. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und Berlin.
Häufige Fragen zu Joana Tischkau
Wer ist Joana Tischkau?
Joana Tischkau ist eine deutsche Choreografin, Regisseurin und Performerin, Jahrgang 1983. Sie arbeitet in der freien Tanz- und Theaterszene und setzt sich in ihren Stücken mit Popkultur, Rassismus und Schwarzer deutscher Geschichte auseinander.
Welchen Preis hat Joana Tischkau gewonnen?
Joana Tischkau wurde 2024 mit dem Tabori-Preis ausgezeichnet. Er gilt als höchste Auszeichnung der freien darstellenden Künste in Deutschland und war laut Hessenschau in diesem Jahr erstmals mit 100.000 Euro dotiert.
Was ist das Schlagerballett von Joana Tischkau?
„Ich nehm dir alles weg – Ein Schlagerballett“ hatte im September 2024 im HAU Berlin Premiere. Das Stück bezieht sich auf Pina Bauschs Schlagerballett aus den 1970er Jahren und erzählt die Geschichte des deutschen Schlagers aus der Sicht Schwarzer Künstlerinnen und Künstler wie Roberto Blanco und Marie Nejar.
Wo hat Joana Tischkau studiert?
Joana Tischkau studierte Dance and Drama an der Coventry University in England. Ihren Master in Choreografie und Performance machte sie am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, wo 2019 auch ihr Stück „Playblack“ entstand.